Von Eishöhlen, Bremszylindern, Deserteuren und Architekten

Am Sonntagnachmittag erreichen wir Kungur und besichtigen als erstes die grosse Kirche im Ort. Dort findet gerade eine Zeremonie statt. Vorsichtig stecken wir unsere Köpfe durch die Türe und sind uns bis jetzt nicht so ganz sicher, ob ausser dem Priester Männer in der Kirche wirklich willkommen sind. Erstmals können wir auch einen grossen Kirchenraum besichtigen, hoch, weisse Wände und vorne eine Wand voller Ikonen. Dann lauschen wir noch ein wenig den Gesängen des Priesters und den zwei singend antwortenden Frauen in speziellen Gewändern, bevor wir die Kirche wieder verlassen und zum Parkplatz der Eishöhle fahren. Dort erkundigen wir uns wann am nächsten Tag die erste Führung stattfinden wird. Anschliessend finden wir bei einem kleinen Birkenwäldchen ein gutes Übernachtungsplätzchen. Nach einer Eiskalten Nacht geht es dann direkt in die Eishöhle von Kungur. Zur frühsten Führung sind nur ein russisches Ehepaar und wir erschienen, und natürlich die kleingewachsene Elisabeth, die uns durch die Höhle führen wird. Erstmal wird sich dick eingepackt und dann geht es ins Loch. Stets erklärt Elisabeth Unmengen über die Höhle, wie ein Bändchen spult sie ihre auswendiggelernten Texte ab, dann stellt sie wieder auf die normale Stimme um und beantwortet Fragen. Natürlich nicht unsere Fragen, denn es wird nur russisch gesprochen. Naja, schön ist die Höhle trotzdem. Eiszapfe bunt beleuchtet, grosse Höhlen unterirdische Seen und zum Abschluss eine Lichtshow die ihresgleichen sucht, begleitet von Peer Gynt’s „In der Höhle des Zwergkönigs“. Während der Besichtigung wird uns auch klar, dass die kleine Elisabeth einen grossen Vorteil, sie muss kein einziges Mal den Kopf einziehen, während wir ständig darauf achten müssen unsere Köpfe nicht blutigen zu schlagen. Nach kalten 1.45h erblicken wir wieder das Tageslicht und kehren zu MASHIN zurück. Dort erwartet uns ein kleiner Bremsflüssigkeitssee rund um das hintere Rechte Rad. Da muss etwas kaputt sein, ein Russe kommentiert auch gleich: Bremszylinder! Also nichts mit weiter nach Perm-36 sondern ab in die nächste Garage. Es gibt eine Bosch Autowerkstatt, die zwar geschlossen hat wegen dem Schulbeginn, aber dank den Nachbarn finden wir den Besitzer in einem Autozubehörladen und bitten ihn uns trotzdem noch Heute zu helfen. Und freundlich wie sie sind schrauben sie mal unser Rad ab, um die Sache zu analysieren. Und tatsächlich, der Bremszylinder ist undicht und nach der Demontage macht sich Andrej daran das passende Ersatzteil zu finden. Wir befürchten schon mehrere Tage Aufenthalt, bis ein Mercedes Teil den Weg in die Kleinstadt finden wird. Aber nach kurzer Zeit kehrt Andrej zurück und teilt uns mithilfe von Google Translate mit, dass am Abend zwischen 7 und 8 das passende Teil aus Weissrussischer Produktion geliefert würde und wir nach dem Einbau noch am gleichen Tag weiterfahren können. Etwas ungläubig, ob das denn wirklich das passende Teil sein wird aber hoffnungsvoll verbringen wir den Nachmittag noch mit Diskussionen und einem langen hin und her mit Google Translate, ob wir denn nun das schäumende Differentialöl gleich auch noch tauschen sollen. Schlussendlich wird das Öl getauscht, (was für eine hässlich stinkende Suppe da drin war!) Tee getrunken und Risotto gekocht und dann ist das Teil da und tatsächlich es passt genau, Weissrussische Produktion für Mercedes Benz T1 Jahrgang 77-96! Was für ein Glück, damit hätten wir echt nicht gerechnet, mit Sicherheit hätte es in jeder Mercedes Benz Werkstatt Wochen gedauert! Kurz vor Zehn Uhr Abends bezahlen wir die lächerlich kleine Rechnung und bedanken uns mit einer Tafel Schokolade (und spenden zuhause wohl an Google Translate). Wir Übernachten noch einmal an der gleichen Stelle wie die Nacht zuvor nur noch kälter. So kalt, dass das Kondenswasser vom Zeltdach direkt in unser Gesicht tropft und uns unsanft weckt. Am nächsten Morgen fahren wir zu einem ehemaligen Gefangenenlager für Deserteure während des Kommunismus östlich von Perm. Das Museum von Perm-36 wäre eigentlich wohl ziemlich eindrücklich, würde man ein Wort der nur russisch sprechenden Führung verstehen und alle Gebäude auch besichtigen können. So bleibt uns nur die Freude über die schöne Landschaft, die wir dank dem Abstecher dorthin gesehen haben. Wir fahren weiter nach Perm und noch etwas nördlich aus der Stadt heraus, wo ein Museum mit alten Gebäuden aus dem 19.- und 20. Jahrhundert wartet. Wir übernachten auf einem Hügel mit wunderbarer Aussicht auf das Gewässer rundherum und besuchen am nächsten Morgen als erste Besucher das Freilichtmuseum. Dass wir die ersten sind merken wir daran, dass noch alles verschlossen ist und zuerst Kasse und die zu besichtigenden Gebäude geöffnet werden müssen. Aber dieser Besuch lohnt sich wirklich, wir können alte Bauernhäuser aus den Dörfern der Region mit Utensilien aus dem Alltag begutachten, und alles mit englischen Informationen bestückt. Sogar zwei alte Kirchen, ein Wachturm, Feuerwehrhäuschen, Jagdhütten, Salzgewinnungsfabriken und Windmühlen sind auf dem malerischen Gelände auf einer Halbinsel verteilt. So ist nach den drei Besuchen der Durchschnitt der Sehenswüdigkeiten doch bei „66.6% Sehenswürdig“ und wir fahren zufrieden in Richtung Kazan wo wir wieder ein paar Tage verbringen wollen.

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4 responses to “Von Eishöhlen, Bremszylindern, Deserteuren und Architekten”

  1. Anonymous says :

    Hi, wir lesen immer mit und freuen uns auf Euch…

  2. Anonymous says :

    Hi, seid ihr zur Zeit noch in Kasan? Hier ist Hendrik aus dem Grabungs-Camp. Bin auch gerade dort. Wenn ihr wollt können wir uns mal treffen. Meine russische Nummer +79674622352
    Viele Grüße
    Hendrik

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